Das indische Kino kann auf eine über 100-jährige Geschichte zurückblicken, die weit über die bekannten Bollywood-Produktionen hinausgeht. Seit der Premiere von «Raja Harishchandra» im Jahr 1913 hat sich eine vielfältige Filmkultur entwickelt. Die Mainstream-Filmindustrien, zu denen auch Bollywood gehört, nutzten Musik und Tanz, um ein breites Publikum anzusprechen, und schufen so ihr eigenes Genre des musikalischen Melodramas. Dieser Fokus auf Musik war von den klassischen Musiktraditionen Indiens und dem Volkstheater inspiriert. Gleichzeitig entstanden eine unabhängige Filmszene und das Avantgarde-Kino. Diese Strömungen stützen sich stärker auf die reiche Philosophie und Theorie der indischen Ästhetik, mit thematisch wie stilistisch tiefgründigen, künstlerisch anspruchsvollen Werken.
Die oft als Indian New Wave bezeichnete Bewegung knüpft an die Tradition des Parallel Cinema der 1960er und 1970er Jahre an. Regisseure wie Satyajit Ray, Mrinal Sen und Ritwik Ghatak legten den Grundstein für sozialkritische und formal experimentelle Filme. Die Indian New Wave brachte eine radikale Abkehr von konventionellen Erzählmustern. Einer ihrer Pioniere, Mani Kaul, entwickelte minimalistische, fast meditative Formen. Sein von europäischen Autorenfilmern beeinflusster Stil vermied gängige dramaturgische Konventionen zugunsten kontemplativer Bildkompositionen und schuf eine eigene Filmsprache, die sich vom westlichen Blick abheben sollte. Kauls radikaler Ansatz ebnete den Weg für jüngere Generationen von Filmschaffenden, darunter Amit Dutta, der traditionelle indische Kunstformen wie die Miniaturmalerei ins Kino überträgt. In Duttas Filmen verschmelzen Malerei, Musik und Literatur zu einer ebenso intellektuellen wie sinnlichen Filmerfahrung. In diesem Kontext von Innovation und kultureller Experimentierfreude spielten staatliche Einrichtungen wie das Film and Television Institute of India (FTII), die Films Division of India (FD) und die National Film Development Corporation (NFDC) eine zentrale Rolle. Indem sie eine Plattform und Ressourcen boten, halfen diese Institutionen den Filmschaffenden mit ihrem Handwerk und ihren Geschichten zu experimentieren und komplexe Themen auszuloten, was wesentlich zur Vielfalt des indischen Kinos beitrug. Die NFDC spielte eine Schlüsselrolle im Parallel Cinema der 1980er Jahre, das an Bedeutung gewann, während die Mainstream-Filmindustrie mit einer Krise des Starsystems und sinkenden Zuschauerzahlen aufgrund des Heimvideo-Booms kämpfte. Dank dem staatlichen Fernsehsender Doordarshan (DD), der sozial relevante Filme ausstrahlte, blühte das Parallelkino und begründete die Karrieren von Arthouse-Regisseur:innen und Schauspieler:innen, die sich später im internationalen Kino einen Namen machten.
Im parallelen Kino Indiens gab es zwei prominente Strömungen: Die eine, beeinflusst von Filmemachern wie Jean Renoir und Roberto Rossellini und verkörpert von Satyajit Ray, Mrinal Sen und Bimal Roy, konzentrierte sich auf sozioökonomische Themen. Die andere, die Indian New Wave oder Avantgarde, entstand im Kreis der Studierenden von Ritwik Ghatak an der FTII. Ghatak zog das Melodrama dem Realismus vor, während seine Studierenden, inspiriert von Robert Bresson, Fjodor Dostojewski und Bertolt Brecht, eine neue Sprache für das indische Kino suchten. Diese intellektuelle Herangehensweise führte zu Debatten (Satyajit Ray kritisierte bekanntlich solch «esoterisches» Filmschaffen) und brachte zwei prominente Schulen des alternativen Kinos hervor: die Indian New Wave (Avantgarde) und das Parallel Cinema (Sozialrealismus).
In jüngster Zeit hat Payal Kapadia das zeitgenössische indische Filmschaffen ins weltweite Rampenlicht gerückt. Ihre künstlerisch innovativen Kurzfilme liefen auf renommierten Festivals wie Cannes und der Berlinale und bestätigen die anhaltende Relevanz der Indian New Wave. Kapadias Dokumentarfilm «A Night of Knowing Nothing» wurde 2021 in Cannes mit dem Œil d’or für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet, und 2024 erhielt sie als erste Inderin den Grand Prix des Festivals. Dieser Erfolg unterstreicht die Rolle staatlicher Filminstitute wie des Films and Television Institute of India bei der Förderung unabhängiger Filmschaffender und des indischen Avantgardekinos.
Kurzfilme sind nicht nur ein wichtiges Medium für den freien kreativen Ausdruck, sondern auch ein wichtiger Teil des Alumni-Systems an indischen Filmschulen, das die Produktion von Kurzfilmen fördert. Diese Filme veranschaulichen, wie eine neue Generation die künstlerischen Ansätze von New-Wave-Filmschaffenden wie Mani Kaul weiterentwickelt und sie in einen globalen Kontext stellt, der sich von Bollywood und anderen vorherrschenden Trends abhebt. Kurzfilme fügen dem indischen Kino eine Dimension hinzu, in der experimentelles Erzählen, ein fundierter gesellschaftlicher Diskurs und der Einfluss verschiedener Kulturen aufeinandertreffen. Diese Entwicklungen gilt es zu unterstützen und fördern, da sie nicht nur den kulturellen Austausch bereichern, sondern auch wichtige gesellschaftliche und politische Themen aufgreifen, die weltweit Resonanz finden. Solche komplexen Perspektiven in unsere kulturellen Erzählungen einzubinden ist eine wichtige Voraussetzung für eine wahrhaft globale Gesellschaft, die auf Verständnis, Respekt und gemeinsamen humanitären Werten beruht. Im Hinblick auf den weltweiten Einfluss des indischen Kinos wollen die Kurzfilmtage den komplexen Reichtum filmischer Ausdrucksformen aus diesem enorm vielfältigen Land zeigen, das sich einer uralten Zivilisation mit seiner eigenen Geschichte der Kunst und Ästhetik rühmen kann.
Das indische Kino von heute ist ein Raum des künstlerischen Widerstands und der Erneuerung, in dem persönliche Erinnerungen und kollektive Mythen, stille Trauer und surreale Absurdität, wirtschaftlicher Kampf und spirituelle Sehnsucht aufeinandertreffen. Die zeitgenössischen Kurzfilme in unseren Programmen widerspiegeln ein Land in Bewegung, das von seinem historischen Erbe ebenso geprägt ist wie von den Spannungen der rasanten Urbanisierung und zunehmenden Ungleichheit. Im Schimmer der Moderne zeugen sie von denen, die am Rande stehen – Wanderarbeiter, Frauen, queere Stimmen, die arme Landbevölkerung –, und erzählen Geschichten, die sich der Auslöschung mit poetischen und oft radikalen Formen widersetzen. Weit entfernt vom Bollywood-Spektakel ist dies ein Kino, das Fragen stellt, zuhört und sich erinnert. Indem es Widersprüche und Zweideutigkeiten zulässt, öffnet es neue Vorstellungsräume – intim, politisch und zutiefst menschlich. Sich auf diese Filme einzulassen, bedeutet, sich für andere Realitäten zu öffnen und auf Stimmen zu hören, die allzu oft ungehört bleiben.
Kuratiert von Iyesha Geeth Abbas, John Canciani, Lea Heuer und Delphine Jeanneret
Whispers in the DarkDer in Indien geborene Schriftsteller Salman Rushdie schrieb einst: «In unseren Träumen jedoch kommt die Wahrheit zum Vorschein; nur in unseren Betten... schweben wir, fliegen wir, fliehen wir. Und in den Wachträumen, die unsere Gesellschaft gestattet, in unseren Mythen, unseren Künsten, unseren Liedern, feiern wir die Nichtzugehörigen, wir, die wir anders sind, die Gesetzlosen, die Freaks.» Dieses Programm fängt den Geist von Rushdies Worten ein.
Im schummrigen Licht des Kinos tauchen wir ein in die träumerischen Visionen der Figuren. Die Filme zeigen, dass manchmal nur der Traum – oder das Kino als kollektive Traumlandschaft – beleuchten kann, was sich noch nicht laut aussprechen lässt: den Verlust eines geliebten Menschen, das leise Beben des Hindu-Nationalismus, eine ungestillte Sehnsucht, eine unmögliche Liebe...
In «Afternoon Clouds» sehnen sich eine Witwe und ihre Hausangestellte nach jemandem, der längst nicht mehr da ist. In einem nächtlichen Brief an ihre verstorbene Grosstante, greift die Filmemacherin von «Night and Fear» auf ihr persönliches Archiv zurück und erzählt die Geschichte einer ländlichen Hexenjagd, die sie nicht so einfach loslässt. «Amma kmi Katha» erinnert an den Traum von einer vereinten indischen Nation, und «Madhu» fängt die unausgesprochene Spannung einer Liebe ein, die in einer einzigen Nacht zwischen zwei Freundinnen aufflackert.
Dieses Programm, bei dem ausschliesslich Frauen Regie geführt haben, hört dem Flüstern der Nacht genau zu. Die Wahrheiten, die aus unseren Träumen durchsickern, ist die tief in unserem Innern verborgene Sehnsucht nach Verbundenheit und Zugehörigkeit – oder schlicht der Wunsch, gesehen zu werden.
Kuratiert von John Canciani, Lea Heuer und Delphine Jeanneret
Mit freundlicher Unterstützung von: