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Was unter der Erde verborgen liegt, prägt Landschaften ebenso wie Geschichten und Bilder. Dieses Programm folgt den Spuren des Öls als Ressource, koloniales Versprechen und umkämpftes Archiv. Von britischer Propaganda über poetische Dokumentarfilme bis zur kritischen Neubefragung historischer Bilder entfalten die Filme vielschichtige Perspektiven auf Extraktion, Macht und das Kino selbst.
Mit freundlicher Unterstützung von: S. Eustachius-Stiftung
Persian Story Ralph Keene / Grossbritannien 1952 / 20'44" / DCP / Farbe / Englisch / Doc
Ein zwanzigminütiger Farbfilm, gedreht in den letzten Monaten vor dem Abzug des Unternehmenspersonals aus Abadan im Oktober 1951. Der Film vermittelt ein lebendiges Bild von den Ölfeldern und dem Leben der britischen und persischen Angestellten des Unternehmens.
Im Frühling 1958 fing eine Ölquelle im Südwesten von Iran Feuer. Ebrahim Golestan reiste mit seinem Team vor Ort und filmte die Löscharbeiten. Später schnitt Forough Farrokhzad, die kürzlich einen Kurs über die Verwendung von Archivmaterial in Grossbritannien absolviert hatte, den Film, wobei sie ihre poetische Sensibilität mit Golestans eher symbolischem Ansatz verband. Das Ergebnis steht in scharfem Kontrast etwa zu Werner Herzogs «Lektionen in Finsternis», der dasselbe Thema behandelt. Golestan entwickelt eine folkloristische Erzählung, eine Hommage an die gemeinsame Arbeit gewöhnlicher Menschen, während Herzog ein opernhaftes Werk über Individualismus präsentiert.
One Image, Two Acts Sanaz Sohrabi / Kanada/Iran 2020 / 44'38" / DCP / Farbe / Persisch/Englisch / Doc
«One Image, Two Acts» untersucht die Foto- und Filmarchive von British Petroleum aus der Zeit seiner Aktivität in Iran, Irak und Kuwait, um den weitverbreiteten Bau von Kinos durch BP in den Ölstädten im Südwesten Irans zu beleuchten. Das Projekt verfolgt den Wandel dieser Bildwirtschaft von der Verstaatlichungsbewegung zum antikolonialen iranischen Kino zwischen 1950 und 1980 und zeichnet die Medieninfrastrukturen nach, durch die das Öl im kolonialen Wissenssystem als Machtinstrument wirkte.
Bilder setzen einen Rahmen. Sie bestimmen, was sichtbar wird und was ausserhalb des Blickfeldes bleibt. Das gilt für Nachrichten ebenso wie für das Kino. Welche Perspektiven auf Iran gerahmt und welche Geschichten erzählt werden, was sichtbar wird, ist von historischen und politischen Kontexten abhängig.
Iran ist von tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt. In einem Jahrhundert hat das Land zwei Revolutionen erlebt: die Konstitutionelle Revolution von 1905/06 und die Islamische Revolution von 1979. Die Selbstermächtigung gesellschaftlicher Gruppen ist dabei ebenso prägend wie die wiederholte Einflussnahme durch imperiale und ideologische Kräfte. Die politische Lage des Landes und der Blick auf Iran haben sowohl das einheimische als auch das diasporische Filmschaffen nachhaltig geprägt.
Spätestens seit dem Frühjahr 2026 richtet sich der Blick der Welt erneut verstärkt auf Iran, während der Krieg das Land existenziell erschüttert. Das diesjährige Fokus-Programm Shifting Grounds – Framing Iran nimmt dies zum Anlass, eurozentrische Vorstellungen des Landes zu hinterfragen und den Blick für die Vielschichtigkeit von Irans Kino und Gesellschaft zu schärfen – eine Vielschichtigkeit, die sich einfachen Erklärungen entzieht.
Der Fokus auf iranisches Kino ist aus der Zusammenarbeit zwischen zwei Nicht-Iraner:innen und einer Iranerin entstanden. Dabei wird «iranisches Kino» nicht als feste Kategorie verstanden, sondern als eine Perspektive, die durch unterschiedliche Zuschreibungen, Kontexte und Erfahrungen geprägt ist. Fragen nach Produktionsbedingungen, Diaspora und nationaler Zugehörigkeit treffen auf die Auseinandersetzung mit westlichen Sehgewohnheiten und Erzählmustern. Was als iranisches Kino wahrgenommen wird, entsteht im Zusammenspiel von Festivalpraxis, Publikumserwartungen und filmischer Selbstrepräsentation. Diese unterschiedlichen Perspektiven und ihre Verflechtungen bilden den Ausgangspunkt der gemeinsamen Kuration.
Sechs Programme versammeln historische und zeitgenössische Arbeiten, die in Iran und der Diaspora entstanden sind, und verbinden unterschiedliche dokumentarische, fiktionale und experimentelle Formen. Sie führen von den Bildwelten des Öls zu Fragen von Identität und Selbstbestimmung jenseits gesellschaftlicher Normen, von Mythos und Wirklichkeit bis zu unterschiedlichen Formen des Widerstands. Ergänzt werden sie durch Werke der unabhängigen Filmbewegung Cinema-ye Azad aus den 1970er Jahren. Viele der Filme bewegen sich dabei zwischen Innen und Aussen – zwischen Landesgrenzen, realen Mauern und fiktiven Räumen ebenso wie den unsichtbaren Grenzen in den Köpfen der Menschen.
Nicht das Land selbst steht im Zentrum dieses Fokus, sondern die Frage, wie Iran gesehen, erzählt und imaginiert wird – und wie das Kino dazu beitragen kann, diese Bilder immer wieder neu zu rahmen.
Vincent Förster, Lynn Gerlach, Afsun Moshiry
Sediments of Power
Was unter der Erde verborgen liegt, prägt seit über einem Jahrhundert nicht nur Landschaften, sondern auch Bilder, Geschichten und politische Macht. Dieses Programm folgt den Spuren des Öls als Ressource, koloniales Versprechen und umkämpftes Archiv.
Ethnografische Aufnahmen und Industriefilme erscheinen dabei nicht als neutrale Dokumente ihrer Zeit, sondern als Teil jener visuellen Ordnung, die koloniale Herrschaft legitimieren sollte und das Bild Irans bis heute prägt.
«Persian Story», kurz vor dem britischen Rückzug aus Irans erster Ölstadt Abadan entstanden, präsentiert sich als dokumentarischer Blick – und offenbart zugleich den kolonialen Habitus seiner Bilder. «Yek Atash» wendet sich den Menschen vor Ort zu. Aus den Aufnahmen eines brennenden Ölfeldes entsteht eine poetische Auseinandersetzung mit Naturgewalt und kulturellem Gedächtnis. «One Image, Two Acts» liest Archivbilder neu. Der Film untersucht, wie die visuelle Infrastruktur der Anglo-Iranian Oil Company Vorstellungen von Moderne, Arbeit und Freizeit prägte, und wie das iranische Kino diese Bildwelten später zurückeroberte. Öl erscheint hier nicht nur als Rohstoff, sondern als Archiv – ein Geflecht aus Bildern, Infrastrukturen und politischen Imaginationen.
So entsteht ein Programm über die Macht der Bilder ebenso wie über die Bilder der Macht, dessen Filme Schicht für Schicht den Spuren der Extraktion nachgehen und dabei zeigen, wie sie bis in die Gegenwart nachwirken.
Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur sind das bedeutendste Kurzfilmfestival der Schweiz. Jeden November verwandeln wir die Stadt Winterthur für sechs Tage in eine Kurzfilmmetropole.
An den Kurzfilmtagen gibt es für alle etwas zu entdecken: Wir zeigen sorgfältig zusammengestellte Kurzfilmprogramme zu aktuellen Geschehnissen oder zu Themen, die unseren Kurator:innen unter den Nägeln brennen. Die Wettbewerbsblöcke fühlen den Puls des aktuellen, weltweiten Filmschaffens und die Installationen, Performances und weiteren Specials machen audiovisuelle Formen in ihrer ganzen Vielfalt erlebbar. Ein Rahmenprogramm mit Konzerten, Lesungen und mehr erweitert das Festivalerlebnis.
Das Programm der 30. Kurzfilmtage wird am 14. Oktober 2026 veröffentlicht.
Aktuelle Kurzfilme aus der ganzen Welt. Am Sonntagabend werden die vielversprechendsten Kurzfilme ausgezeichnet.
Hors Concours
Aktuelle Kurzfilme aus Zürich, der Schweiz und der Welt, die ausserhalb unserer Wettbewerbe laufen.
Fokus
Filmische Einblicke in eine Region, ein soziales Phänomen oder einen künstlerischen Trend.
Person im Fokus
Das künstlerische Wirken einer filmschaffenden Person wird ins Rampenlicht gestellt.
Spezialprogramme
Kurzfilmprogramme zu Themen, die unseren Kurator:innen unter den Nägeln brennen – oder einfach Spass machen.
Familienprogramme
Kurzfilmgenuss für das junge Kinopublikum ab 6 Jahren und die ganze Familie.
Rahmenprogramm
Konzerte, Partys, Lesungen und zahlreiche weitere Events bieten Gelegenheit zur Vernetzung und erweitern das Festivalerlebnis.
Talks & Podien
Moderierte Talks und Panels, die nach der Vorstellung vertieften Einblick ins Filmschaffen oder in die Thematik geben.
Industry Events
Eine breite Palette an Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen für die Filmbranche sowie Möglichkeiten zur Vernetzung.
Der Kurzfilm
Der Kurzfilm ist nicht einfach ein kürzerer Film. Er ist eine eigene Kunstform, die wir mit unserem Festival jährlich in den Fokus stellen.
Der Kurzfilm erscheint in allen Genres und kann unterschiedlich lang – oder eben kurz – sein. Einfachere Produktionswege machen es ihm möglich, den Zeitgeist und Strömungen rasch einzufangen und abzubilden. Der kurze Film kann unterhalten, überraschen, die Gesellschaft analysieren, eine politische Haltung einnehmen oder Einblick in uns fremde Welten geben.
Wir bündeln unsere Kurzfilme in thematischen Programmen oder nach bestimmten Sektionen, wie z.B. unsere Wettbewerbe, und stimmen die Filme und Reihenfolge aufeinander ab. Für den Kurzfilmgenuss gibt es somit nur eine Voraussetzung: die Neugierde, Neues zu entdecken und sich überraschen zu lassen.