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Im Laufe der iranischen Filmgeschichte haben Filmemacherinnen eine bemerkenswerte Sensibilität gegenüber Menschen gezeigt, die am Rande der Gesellschaft leben. Anstatt sich auf heroische Figuren oder gesellschaftliche Mehrheiten zu konzentrieren, richten sie ihren Blick auf jene, deren Leben unsichtbar bleibt: Mädchen, denen Handlungsmacht verwehrt wird; Frauen, die durch gesellschaftliche Strukturen unsichtbar bleiben; Menschen, die aufgrund von Krankheit, sozialer Herkunft oder Lebensumständen ausgegrenzt werden. In diesen Filmen werden Aussenstehende nie auf eine soziale Kategorie reduziert, sondern dienen als emotionaler und ethischer Mittelpunkt.
Ein schüchterner, verschlossener Junge hat es sich in den Kopf gesetzt, in der Schultheatergruppe mitzumachen, doch die einzige Rolle, die man ihm anbietet, ist die einer Krabbe.
Roya, eine Jugendliche mit einem gelben Fleck im Gesicht, spürt plötzlich, dass sie die Eigenschaften einer echten Giraffe in sich trägt, und ihr Leben beginnt sich zu verändern.
The House Is Black Forough Farrokhzad / Iran 1963 / 21'23" / Schwarz-Weiss / Farsi / Exp
Boy meets Girl – doch er versteht sie falsch und verarbeitet seine Erlebnisse zu einer Mischung aus Memoiren, Experimentalfilm und Animation.
Density of Emptiness Shirin Barghnavard / Deutschland/Iran/Frankreich 2023 / 20'11" / Farbe & Schwarz-Weiss / Farsi / Exp/Doc
«Density of Emptiness» beleuchtet die ungleich verteilte Dichte im Konzept des Ortes und die unausgewogene Raumaufteilung in der Stadt Teheran. Die Filmemacherin offenbart diese Realität mit einer auf ihren Recherchen basierenden Voice-over und durch den Vergleich von zehn Jahre alten Fotos einer iranischen Fotografin, die Frauen in einer halböffentlichen Notunterkunft in einem armen Quartier im Süden Teherans zeigen, mit den heutigen leeren Hochhäusern in den nördlichen Bezirken der Stadt.
Bilder setzen einen Rahmen. Sie bestimmen, was sichtbar wird und was ausserhalb des Blickfeldes bleibt. Das gilt für Nachrichten ebenso wie für das Kino. Welche Perspektiven auf Iran gerahmt und welche Geschichten erzählt werden, was sichtbar wird, ist von historischen und politischen Kontexten abhängig.
Iran ist von tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt. In einem Jahrhundert hat das Land zwei Revolutionen erlebt: die Konstitutionelle Revolution von 1905/06 und die Islamische Revolution von 1979. Die Selbstermächtigung gesellschaftlicher Gruppen ist dabei ebenso prägend wie die wiederholte Einflussnahme durch imperiale und ideologische Kräfte. Die politische Lage des Landes und der Blick auf Iran haben sowohl das einheimische als auch das diasporische Filmschaffen nachhaltig geprägt.
Spätestens seit dem Frühjahr 2026 richtet sich der Blick der Welt erneut verstärkt auf Iran, während der Krieg das Land existenziell erschüttert. Das diesjährige Fokus-Programm Shifting Grounds – Framing Iran nimmt dies zum Anlass, eurozentrische Vorstellungen des Landes zu hinterfragen und den Blick für die Vielschichtigkeit von Irans Kino und Gesellschaft zu schärfen – eine Vielschichtigkeit, die sich einfachen Erklärungen entzieht.
Der Fokus auf iranisches Kino ist aus der Zusammenarbeit zwischen zwei Nicht-Iraner:innen und einer Iranerin entstanden. Dabei wird «iranisches Kino» nicht als feste Kategorie verstanden, sondern als eine Perspektive, die durch unterschiedliche Zuschreibungen, Kontexte und Erfahrungen geprägt ist. Fragen nach Produktionsbedingungen, Diaspora und nationaler Zugehörigkeit treffen auf die Auseinandersetzung mit westlichen Sehgewohnheiten und Erzählmustern. Was als iranisches Kino wahrgenommen wird, entsteht im Zusammenspiel von Festivalpraxis, Publikumserwartungen und filmischer Selbstrepräsentation. Diese unterschiedlichen Perspektiven und ihre Verflechtungen bilden den Ausgangspunkt der gemeinsamen Kuration.
Sechs Programme versammeln historische und zeitgenössische Arbeiten, die in Iran und der Diaspora entstanden sind, und verbinden unterschiedliche dokumentarische, fiktionale und experimentelle Formen. Sie führen von den Bildwelten des Öls zu Fragen von Identität und Selbstbestimmung jenseits gesellschaftlicher Normen, von Mythos und Wirklichkeit bis zu unterschiedlichen Formen des Widerstands. Ergänzt werden sie durch Werke der unabhängigen Filmbewegung Cinema-ye Azad aus den 1970er Jahren. Viele der Filme bewegen sich dabei zwischen Innen und Aussen – zwischen Landesgrenzen, realen Mauern und fiktiven Räumen ebenso wie den unsichtbaren Grenzen in den Köpfen der Menschen.
Nicht das Land selbst steht im Zentrum dieses Fokus, sondern die Frage, wie Iran gesehen, erzählt und imaginiert wird – und wie das Kino dazu beitragen kann, diese Bilder immer wieder neu zu rahmen.
Vincent Förster, Lynn Gerlach, Afsun Moshiry
Outsiders: The Politics of Care
Im Laufe der iranischen Filmgeschichte haben Filmemacherinnen eine bemerkenswerte Sensibilität gegenüber Menschen gezeigt, die am Rande der Gesellschaft leben. Anstatt sich auf heroische Figuren oder gesellschaftliche Mehrheiten zu konzentrieren, richten sie den Blick auf jene, deren Leben unsichtbar bleiben: Mädchen, denen Handlungsmacht verwehrt wird; Frauen, die durch gesellschaftliche Strukturen unsichtbar bleiben; Menschen, die aufgrund von Krankheit, sozialer Herkunft oder Lebensumständen ausgegrenzt werden. In diesen Filmen werden Aussenstehende nie auf eine soziale Kategorie reduziert, sondern dienen als emotionaler und ethischer Mittelpunkt.
In «Galin» wird ein junges Mädchen zur Heirat gezwungen von einem Vater, dessen Sucht die Tochter zum Druckmittel macht. Als einer der wenigen Filme, die vor der Revolution von 1979 von einer Frau gedreht und in Tabris statt in Teheran produziert wurden, bleibt «Galin» ein bemerkenswertes und zu Unrecht übersehenes Werk des iranischen Kinos. Die Kurzfilmtage zeigen den ursprünglichen Stummfilm mit einer neuen Live-Begleitung, die den Ton für ein zeitgenössisches Publikum neu interpretiert. «Crab» nimmt die stille Enttäuschung eines schüchternen Jungen, der in seiner Schultheatergruppe nur eine Krabbe spielen darf, als Anlass für eine zärtliche Reflexion über Ausgrenzung, Verletzlichkeit und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. In «Spotted Yellow» wird eine durch die Stadt irrende Jugendliche zur Allegorie auf Entwurzelung. Ihre Identifikation mit einer Giraffe – einem Tier, das fehl am Platz wirkt und zunehmend vom Klimawandel bedroht ist – verwandelt die persönliche Entfremdung in einen ökologischen und existenziellen Zustand. Zu den bedeutendsten Werken des iranischen Kinos gehört Forough Farrokhzads «The House Is Black» (1962). In ihrem einzigen Film, der in der Leprakolonie Baba Baghi in der Nähe von Tabris spielt, weigert sich Farrokhzad, Krankheit sensationalistisch darzustellen. Mit einem Mix aus dokumentarischer Beobachtung, Poesie und Passagen aus der Bibel, dem Koran und eigenen Texten gibt sie einer lange ausgegrenzten Gemeinschaft ihre Würde zurück und offenbart Schönheit, Verletzlichkeit und Menschlichkeit dort, wo andere nur Stigma sahen. «Density of Emptiness» überträgt diese Perspektive auf das heutige Teheran. Der Film beobachtet Frauen in Notunterkünften, deren Leben sich am Rande der Sichtbarkeit abspielt, und deckt dabei die tiefen sozialen Ungleichheiten der Stadt auf. In all diesen Werken wird Marginalisierung niemals als Spektakel behandelt. Stattdessen dient sie als Mittel, die sozialen, familiären und politischen Strukturen aufzuzeigen, die zur Ausgrenzung führen. Gleichzeitig fordern die Filme die Würde derer ein, die unsichtbar bleiben. Aussenstehende sind hier nicht bloss Figuren am Rande der Gesellschaft, sondern rücken die Gesellschaft selbst in den Fokus.
Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur sind das bedeutendste Kurzfilmfestival der Schweiz. Jeden November verwandeln wir die Stadt Winterthur für sechs Tage in eine Kurzfilmmetropole.
An den Kurzfilmtagen gibt es für alle etwas zu entdecken: Wir zeigen sorgfältig zusammengestellte Kurzfilmprogramme zu aktuellen Geschehnissen oder zu Themen, die unseren Kurator:innen unter den Nägeln brennen. Die Wettbewerbsblöcke fühlen den Puls des aktuellen, weltweiten Filmschaffens und die Installationen, Performances und weiteren Specials machen audiovisuelle Formen in ihrer ganzen Vielfalt erlebbar. Ein Rahmenprogramm mit Konzerten, Lesungen und mehr erweitert das Festivalerlebnis.
Das Programm der 30. Kurzfilmtage wird am 14. Oktober 2026 veröffentlicht.
Aktuelle Kurzfilme aus der ganzen Welt. Am Sonntagabend werden die vielversprechendsten Kurzfilme ausgezeichnet.
Hors Concours
Aktuelle Kurzfilme aus Zürich, der Schweiz und der Welt, die ausserhalb unserer Wettbewerbe laufen.
Fokus
Filmische Einblicke in eine Region, ein soziales Phänomen oder einen künstlerischen Trend.
Person im Fokus
Das künstlerische Wirken einer filmschaffenden Person wird ins Rampenlicht gestellt.
Spezialprogramme
Kurzfilmprogramme zu Themen, die unseren Kurator:innen unter den Nägeln brennen – oder einfach Spass machen.
Familienprogramme
Kurzfilmgenuss für das junge Kinopublikum ab 6 Jahren und die ganze Familie.
Rahmenprogramm
Konzerte, Partys, Lesungen und zahlreiche weitere Events bieten Gelegenheit zur Vernetzung und erweitern das Festivalerlebnis.
Talks & Podien
Moderierte Talks und Panels, die nach der Vorstellung vertieften Einblick ins Filmschaffen oder in die Thematik geben.
Industry Events
Eine breite Palette an Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen für die Filmbranche sowie Möglichkeiten zur Vernetzung.
Der Kurzfilm
Der Kurzfilm ist nicht einfach ein kürzerer Film. Er ist eine eigene Kunstform, die wir mit unserem Festival jährlich in den Fokus stellen.
Der Kurzfilm erscheint in allen Genres und kann unterschiedlich lang – oder eben kurz – sein. Einfachere Produktionswege machen es ihm möglich, den Zeitgeist und Strömungen rasch einzufangen und abzubilden. Der kurze Film kann unterhalten, überraschen, die Gesellschaft analysieren, eine politische Haltung einnehmen oder Einblick in uns fremde Welten geben.
Wir bündeln unsere Kurzfilme in thematischen Programmen oder nach bestimmten Sektionen, wie z.B. unsere Wettbewerbe, und stimmen die Filme und Reihenfolge aufeinander ab. Für den Kurzfilmgenuss gibt es somit nur eine Voraussetzung: die Neugierde, Neues zu entdecken und sich überraschen zu lassen.