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Filme bleiben nicht auf der Leinwand. Sie ziehen in unsere Erinnerung ein, mischen sich unter unsere eigenen Kopfbilder und werden Teil von uns – weil Kino weltweit so populär ist und so tief in unsere Gesellschaft hineinwirkt. We Feel Cinema widmet sich diesem emotionalen Nachhall: Dem, was Filme mit uns anstellen, und was davon bleibt, lange nachdem das Licht im Saal wieder angegangen ist.
Twelve Tales Told Johann Lurf / Österreich 2014 / 4' / Farbe / ohne Dialog / Exp
Tausende Male hat man sie schon gesehen, immer wieder aufs Neue verheissen sie das Eintauchen in die fantastischen Welten der Filmindustrie: die Logos der grossen Hollywood-Studios. Was Johann Lurf mit ihnen macht, ist so genial wie typisch: Einen märchenhaften Katastrophenkurzfilm, ein manipulatives Sperrfeuerwerk, eine den Wahrnehmungsapparat umkrempelnde, toxisch tönende Fusion. So wird gleichermassen das Verlangen nach einer neuen Geschichte aus der Traumfabrik angeheizt und der Widerwille gegen deren affizierende Illusionsmaschinerie geschürt.
Was machte die 90er zu «den 90ern»? Im Laufe einer zehnjährigen Korrespondenz tauschen sich zwei filmbegeisterte Brieffreunde über die wesentlichen Merkmale des Kinos der 90er aus: den Aufstieg von Video, das Verlangen nach Geschwindigkeit und natürlich das globale Gefühl, dass die Welt am Abgrund steht. Aber haben Jahrzehnte zeitgleich schon «wesentliche Merkmale» haben? Oder schreiben wir ihnen diese erst im Nachhinein zu, um die Dinge rückblickend einzuordnen? Nur Leonard Nimoy weiss das mit Sicherheit.
The Making of Longbird Will Anderson / Grossbritannien 2011 / 15'18" / Farbe / Englisch / Doc
Ein Animator und Filmemacher versucht, seine mysteriöserweise langgestreckte Figur in der modernen Welt relevant zu machen. Ein Blick hinter die Kulissen in extremer Nahaufnahme zeigt, wie dieser Animator und Filmemacher mit seiner Figur ringt.
Wander to Wonder Nina Gantz / Niederlande 2023 / 13'50" / DCP / Farbe / Englisch/Französisch / Ani
Mary, Billybud und Fumbleton sind drei Mini-Schauspieler, die in einer Kinderfernsehserie der 1980er Jahre namens «Wander to Wonder» auftreten. Nachdem der Schöpfer der Serie gestorben ist, bleiben sie allein im Studio zurück. Mit ihren langsam verrottenden Kostümen und wachsendem Hunger drehen sie zunehmend seltsame Episoden für ihre Fans.
Eine kurze Geschichte über einen Sohn, der seiner Mutter die Welt des Kinos näherbringen will; oder eine kurze Geschichte über eine Mutter, die die Welt des Kinos durch ihren Sohn kennenlernt.
Tales of Us Oliver Pietsch / Deutschland 2014 / 28' / Farbe / Englisch / Exp
«Tales of Us» beleuchtet die Themen von Sehnsucht, Liebe und Zweisamkeit quer durch die Filmgeschichte. Anhand von Filmsequenzen, die vom Independent-Kino bis zu Hollywood-Blockbustern reichen, schafft der Film eine Chronologie von der Jugend über das mittlere bis ins hohe Alter und schwebt dabei durch einen traumähnlichen Zustand.
Es gibt Filme, die uns eine Geschichte erzählen, und es gibt Filme, die davon erzählen, wie Geschichten überhaupt erzählt werden. Das sogenannte Metakino hat das Kino selbst zum Gegenstand: das Filmemachen und seine Apparatur, das Schauen und Gesehenwerden, das Wahrnehmen und das Denken in bewegten Bildern. Diese Filme richten die Kamera auf das, was wir sonst übersehen, weil wir mittendrin sitzen – im Dunkeln, gebannt auf die Leinwand starrend, längst Teil des Spiels. Metafilme zeigen die Nähte, die Tricks, die Apparate. Und anstatt das Medium zu entzaubern, ziehen sie uns damit erst recht in ihren Bann.
Deshalb haben wir das Metakino zum 30. Jubiläum der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur als Thema gewählt. In dreissig Festivalausgaben haben die Kurzfilmtage bereits Filme gezeigt, verteidigt, vermittelt und geliebt – und so liegt es nahe, den Fokus auf das Medium selbst zu richten. For the Love of Cinema ist nicht mehr und nicht weniger als eine Liebeserklärung an den Film. Keine nostalgische, sondern eine neugierige. Denn das Kino zu lieben, heisst auch, es verstehen zu wollen – seine Mechanik, seine Macht über unsere Gefühle, seinen Einfluss auf unsere Sicht der Welt. Wir haben Kurzfilme versammelt, die genau diese Liebe teilen und sie ins Bild setzen: mal augenzwinkernd, mal melancholisch, mal radikal forschend.
Kino zu lieben, heisst zudem auch, von ihm lernen zu wollen. Deswegen ist dieser Fokus entlang einer Idee strukturiert, die vom Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi geprägt wurde. Er hat das Lernen als Zusammenspiel von Hand, Herz und Kopf gedacht – als ganzheitliche Bildung, die das Tun, Fühlen und Erkennen verbindet. Dieser Dreiklang lässt sich gut auf das Kino übertragen. Denn auch ein Film entsteht durch die Hand, die ihn macht, wirkt über das Herz, das er berührt, und formt den Kopf, mit dem wir die Welt deuten. Aus dieser Dreiteilung sind unsere drei Programme entstanden: We Make Cinema, We Feel Cinema und We Think Cinema.
Am Anfang steht die Arbeit. Ein Film ist immer auch Handwerk – geprobt, auf dem Set gedreht, geschnitten, vertont, und getragen von Menschen, die man auf der Leinwand selten sieht, weil sie nicht vor der Kamera stehen. Es sind Filme über das Machen: über Geduld, Können und die vielen Hände, ohne die kein Bild entsteht.
Filme bleiben nicht auf der Leinwand. Sie ziehen ein in unsere Erinnerung, mischen sich unter unsere eigenen Bilder und werden Teil von uns – gerade weil die (westliche) Filmkultur weltweit so prägend und populär ist und so tief in unsere Gesellschaft hineinwirkt. Das zweite Programm widmet sich diesem emotionalen Nachhall. Hier geht es um das, was Filme mit uns anstellen – und was wir durch sie in uns tragen, lange nachdem das Licht wieder angegangen ist.
Wie wir über die Wirklichkeit denken – und wie wir überhaupt in Bildern denken – hängt davon ab, wie diese Bilder gemacht, gerahmt und behauptet werden. Das dritte Programm basiert auf dem tief im westlichen Denken verwurzelten Konzept «Sehen ist Glauben» und definiert das Kino an sich als Denkschule. Diese Filme erinnern daran, dass jedes Bild eine Behauptung ist – und dass Sehen immer auch Denken heisst.
Wir wünschen uns, dass der Funke überspringt – für die Lust am Machen, Mitfühlen und Mitdenken. For the Love of Cinema.
John Canciani und Laura Walde
We Feel Cinema
Ans erste Kinoerlebnis erinnert man sich oft ein Leben lang. Vielleicht ist es gar nicht der Film selbst, der bleibt, sondern das Gefühl: Der dunkle Saal, das gemeinsame Lachen, Erschrecken und Staunen oder die Tränen, die plötzlich ganz selbstverständlich fliessen. Kino sozialisiert uns. Es prägt unsere Vorstellung davon, wie sich Freude, Angst, Liebe oder Verlust anfühlen – und es schafft bleibende Erinnerungen. Populärkultur wird so zu etwas zutiefst Persönlichem.
Die Filme in We Feel Cinema kreisen um diese besondere Beziehung zum Kino. Sie erzählen davon, wie Filme entstehen, wie wir lernen, sie zu lesen, und wie sie sich in unser Gedächtnis einschreiben. Johann Lurfs «Twelve Tales Told» erinnert daran, wie einzelne Bilder ganze Geschichten und komplexe Gefühle hervorrufen können. Daniel Cockburns «Correspondence 1989–1999» macht das Kino zum Ort der Erinnerung und des Austauschs, während Will Andersons «The Making of Longbird» mit viel Humor zeigt, dass auch hinter den bewegendsten Filmen Improvisation, Zufall und spielerische Hingabe stecken.
«Wander to Wonder» von Nina Gantz führt vor, wie schmal der Grat zwischen kindlichem Staunen und existenzieller Melancholie sein kann. In «My Mother Learns Cinema» entdeckt Nesimi Yetik den Zauber des Films durch einen frischen, unvoreingenommenen Blick – als würde jemand das Kino zum allerersten Mal erleben. Oliver Pietschs «Tales of Us» führt schliesslich dorthin zurück, wo viele von uns filmisch sozialisiert wurden: zum amerikanischen Kino. Seine Bilder, Figuren und grossen Gefühle haben Generationen geprägt und sind längst Teil unseres gemeinsamen Bildgedächtnisses.
Kino berührt uns nicht nur als Individuen. Es schafft ein kollektives Gefühl. Für die Dauer einer Vorstellung lachen wir gemeinsam, halten den Atem an oder wischen uns eine Träne aus dem Gesicht. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Kinobesuch 1982 im Kino Talgarten: an die Achterbahnfahrt der Gefühle, an die Tränen beim vermeintlichen Tod von E.T. und noch einmal beim Abschied am Ende. Vielleicht beginnt die Liebe zum Kino genau in dem Moment, in dem ein Film uns vergessen lässt, dass wir im Kino sitzen, und seine Gefühle plötzlich auch unsere eigenen sind.
Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur sind das bedeutendste Kurzfilmfestival der Schweiz. Jeden November verwandeln wir die Stadt Winterthur für sechs Tage in eine Kurzfilmmetropole.
An den Kurzfilmtagen gibt es für alle etwas zu entdecken: Wir zeigen sorgfältig zusammengestellte Kurzfilmprogramme zu aktuellen Geschehnissen oder zu Themen, die unseren Kurator:innen unter den Nägeln brennen. Die Wettbewerbsblöcke fühlen den Puls des aktuellen, weltweiten Filmschaffens und die Installationen, Performances und weiteren Specials machen audiovisuelle Formen in ihrer ganzen Vielfalt erlebbar. Ein Rahmenprogramm mit Konzerten, Lesungen und mehr erweitert das Festivalerlebnis.
Das Programm der 30. Kurzfilmtage wird am 14. Oktober 2026 veröffentlicht.
Aktuelle Kurzfilme aus der ganzen Welt. Am Sonntagabend werden die vielversprechendsten Kurzfilme ausgezeichnet.
Hors Concours
Aktuelle Kurzfilme aus Zürich, der Schweiz und der Welt, die ausserhalb unserer Wettbewerbe laufen.
Fokus
Filmische Einblicke in eine Region, ein soziales Phänomen oder einen künstlerischen Trend.
Person im Fokus
Das künstlerische Wirken einer filmschaffenden Person wird ins Rampenlicht gestellt.
Spezialprogramme
Kurzfilmprogramme zu Themen, die unseren Kurator:innen unter den Nägeln brennen – oder einfach Spass machen.
Familienprogramme
Kurzfilmgenuss für das junge Kinopublikum ab 6 Jahren und die ganze Familie.
Rahmenprogramm
Konzerte, Partys, Lesungen und zahlreiche weitere Events bieten Gelegenheit zur Vernetzung und erweitern das Festivalerlebnis.
Talks & Podien
Moderierte Talks und Panels, die nach der Vorstellung vertieften Einblick ins Filmschaffen oder in die Thematik geben.
Industry Events
Eine breite Palette an Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen für die Filmbranche sowie Möglichkeiten zur Vernetzung.
Der Kurzfilm
Der Kurzfilm ist nicht einfach ein kürzerer Film. Er ist eine eigene Kunstform, die wir mit unserem Festival jährlich in den Fokus stellen.
Der Kurzfilm erscheint in allen Genres und kann unterschiedlich lang – oder eben kurz – sein. Einfachere Produktionswege machen es ihm möglich, den Zeitgeist und Strömungen rasch einzufangen und abzubilden. Der kurze Film kann unterhalten, überraschen, die Gesellschaft analysieren, eine politische Haltung einnehmen oder Einblick in uns fremde Welten geben.
Wir bündeln unsere Kurzfilme in thematischen Programmen oder nach bestimmten Sektionen, wie z.B. unsere Wettbewerbe, und stimmen die Filme und Reihenfolge aufeinander ab. Für den Kurzfilmgenuss gibt es somit nur eine Voraussetzung: die Neugierde, Neues zu entdecken und sich überraschen zu lassen.