Das Kino lebt davon, dass wir das Gemachte für das Wirkliche halten. Die sechs Kurzfilme in diesem Programm zwingen uns zu einem Perspektivenwechsel. Sie zeigen nicht die Welt, wie sie ist. Vielmehr zeigen sie auf, wie Bilder die Welt zu dem machen, was wir für wahr halten. Für den Genuss von We Think Cinema empfehlen wir also: zweimal hinschauen.

The Film You Are About to See
Maxime Martinot / Frankreich 2023 / 10'45" / Farbe & Schwarz-Weiss / Englisch / Exp/Doc
Bitte beachten Sie, dass der Film, den Sie gleich sehen werden, aus echtem Material aus der Filmgeschichte besteht, und zwar aus den Haftungsausschlüssen und Warnhinweisen, die viele Filme rahmen. Jegliche Verflechtung zwischen Kunst und Industrie, jeglicher Interessenkonflikt zwischen künstlerischer Freiheit und dem Gesetz sowie jeglicher Anflug von Moralismus in Bezug auf das Leben von Bildern ist jedoch rein zufällig und unbeabsichtigt.

Indefinite Pitch
James N. Kienitz Wilkins / USA 2016 / 23'18" / Schwarz-Weiss / Englisch / Doc/Exp
Ein erbärmlicher Pitch für einen Film, der in Berlin spielt, versinkt im Nebel der Erinnerung und in Geschichten, die man am besten vergisst oder gezielt ignoriert.

Ciel Dégagé 3/10ème
Jérôme Cognet/Karen Luong / Frankreich 2018 / 6'6" / DCP / Farbe & Schwarz-Weiss / Französisch / Exp
Dieser Film besteht aus fotografischen Blitzlichtern aus Filmen und bezieht sich auf die Idee der Projektion, sowohl im kinematografischen Sinne als auch in ihrer verheerendsten Form: der Atombombe. Der Titel bezieht sich auf die Worte von Major Claude Eatherly, dem Chefpiloten des Wetteraufklärungsflugzeugs «Straight Flush», das am 6. August 1945 über Hiroshima flog. Eatherly sendet Paul Tibbets, dem Piloten der B-29 Superfortress «Enola Gay», die eine Atombombe für den Abwurf auf eine von drei japanischen Städten (Hiroshima, Kokura, Nagasaki) an Bord hatte, eine Wettermeldung mit dem Hinweis «Bewölkung weniger als 3/10 in allen Höhen». Mit anderen Worten: Die Wetterbedingungen für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima sind weitgehend günstig.

The Girl Chewing Gum
John Smith / Grossbritannien 1976 / 12' / Schwarz-Weiss / Englisch / Doc/Exp
In «The Girl Chewing Gum» scheint eine gebieterische Voice-over das Geschehen auf einer belebten Londoner Strasse zu dirigieren. Je absurder und fantasievoller die Anweisungen werden, desto mehr wird uns bewusst, dass der vermeintliche Regisseur (nicht die Einstellung) fiktiv ist. Anstatt vorzuschreiben, beschreibt er lediglich, was sich vor seinen Augen abspielt.

Hacked Circuit
Deborah Stratman / USA 2014 / 15'8" / Farbe / Englisch / Doc/Exp
Diese fliessend choreografierte, in einer einzigen Einstellung gedrehte Verkörperung von Kontrolle offenbart mehrere Ebenen der Inszenierung und Täuschung. Akustische Überwachung trifft auf die schwarze Kunst des Geräuschemachens.

People on Sunday
Tulapop Saenjaroen / Thailand 2020 / 20'53" / Farbe / Thai / Exp/Fic
«People on Sunday» (2020) ist eine Neuinterpretation, Antwort auf und Hommage an den deutschen Stummfilm «Menschen am Sonntag» aus dem Jahr 1930. Diese Antwort entspringt jedoch einem anderen Kontext, einem anderen Land, einer anderen Epoche und anderen Arbeitsbedingungen. Der Film erzählt episodische Geschichten von Filmschaffenden, die alle an demselben Performance-Kunst-Videoprojekt zum Thema Freizeit arbeiten.