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Wie viel sind wir wert – und wer entscheidet das? Die drei Filme dieses Programms erkunden digitale Welten, in denen Männlichkeit, Begehren und Erfolg zunehmend in Zahlen gemessen werden: Aussehen, Einkommen, Follower, Ranglisten und Selbstoptimierung. Die Werke bewegen sich zwischen Intimität, Ehrgeiz und Online-Kultur und fragen, was passiert, wenn Anziehungskraft und Selbstwert zu etwas werden, das man berechnen, optimieren und vergleichen kann.
La mécanique des fluides Gala Hernández López / Frankreich 2022 / 38' / DCP / Farbe / Französisch / Doc
Im Jahr 2018 veröffentlichte ein Incel auf Reddit einen Abschiedsbrief mit dem Titel «Amerika ist für meinen Tod verantwortlich». «The Mechanics of Fluids» ist ein Versuch, Antworten auf seine Worte zu finden. Der Film ist eine virtuelle Reise durch das Internet auf der Suche nach den digitalen Spuren des Mannes, die schliesslich zu einer inneren Reise zwischen zwei miteinander verbundenen Einsamkeiten wird.
Wie wird männlicher Wert in Online-Kulturen quantifiziert und abstrahiert? Dieser kurze Video-Remix aus YouTube-Fragmenten zeigt auf, wie Männlichkeit zunehmend gemessen, optimiert und in numerische Werte umgerechnet wird. Von Incel-Communities, die «sexuellen Marktwert» anhand von Gesichtsproportionen, Attraktivitätsskalen und Looksmaxing berechnen, bis zu Diskursen rund um männlichen Erfolg – Followerzahl, Reichtum, Produktivität und Selbstverbesserung – untersucht das Werk, wie Attraktivität und Leistung auf Kennzahlen und vermeintlich objektive Bewertungskriterien reduziert werden. Mithilfe dieser Online-Materialien untersucht das Video die Entstehung einer durch Quantifizierung geprägten männlichen Vorstellungswelt: eine Kultur, in der das Selbst zu einem ständigen Optimierungsprojekt wird und die abstrakte Logik der Zahlen Intimität, Status und sozialen Wert neu definiert.
Pol ist 21 Jahre alt und wohnt bei seiner Grossmutter. Er träumt davon, in Miami zu leben und 10'000 € im Monat zu verdienen. Er besucht Veranstaltungen zur Persönlichkeitsentwicklung, folgt Online-Coaches und investiert in Kryptowährungen. Pol weiss nicht, wann er sein Ziel erreichen wird, die beste Version seiner selbst zu werden. Er weiss nur, dass er es eines Tages schaffen wird.
Was, wenn die Zukunft bereits begonnen hat – nicht als Ereignis, sondern als Idee, die unser Handeln prägt? Gala Hernández López interessiert sich für Geschichten, Fantasien und Versprechen, die in digitalen Räumen zirkulieren und zunehmend in die materielle Welt zurückfliessen. Kryptowährungen, Incels, Selbstoptimierung, Kryonik oder die technologische Kontrolle unserer Träume mögen zunächst wie überspitzte Science-Fiction erscheinen. Doch wirklich unheimlich macht sie, dass sie bereits Teil unserer Gegenwart sind – Phänomene, die wir geschaffen haben, während wir noch von ihnen träumten.
Hernández López untersucht, wie Daten, Algorithmen und digitale Plattformen unsere Wünsche, Ängste und Vorstellungen von Erfolg zunehmend prägen. Algorithmen, Datenströme und Finanzmärkte sind keine abstrakten Systeme, die ausserhalb des Individuums existieren. Sie strukturieren Begierden und Ängste ebenso wie Vorstellungen von Erfolg, Liebe, Körper und Zukunft. Die Filmemacherin beschreibt die in Online-Communities produzierten Erzählungen als gemeinsame oder symptomatische Fiktionen: Geschichten, die etwas über den Zustand unserer Gesellschaft offenbaren und gleichzeitig beginnen, Realität zu erzeugen.
Diese Themen ziehen sich durch alle vier ihrer Filme: In «La Mécanique des fluides» führt die Suche nach einem Incel tief in die einsamen und frauenfeindlichen Bereiche des Internets. «For Here Am I Sitting in a Tin Can Far above the World», der 2024 am Berlinale Forum Expanded Premiere feierte, verbindet Kryptowährungen und Kryonik in einer Welt, in der sogar die Zukunft zur wirtschaftlichen Ressource wird. In «+10k», der 2025 an der Directors’ Fortnight in Cannes Premiere feierte, träumt ein 21-Jähriger von Miami, finanzieller Unabhängigkeit und einem monatlichen Einkommen von über 10 000 Euro – Wünsche, die zunehmend in Kennzahlen, Ranglisten und kalkulierte Sehnsüchte übersetzt werden. «Like Moths to Light», 2026 im Tiger-Shorts-Wettbewerb in Rotterdam uraufgeführt, thematisiert die technologische Kontrolle von Träumen und damit einem der letzten unerforschten Bereiche des Selbst. Die Filme wurden an zahlreichen weiteren Festivals und in Museen gezeigt (DOK Leipzig, IDFA, Clermont-Ferrand, Cinéma du Réel, IndieLisboa, Internationale Kurzfilmtage Winterthur, Berlinische Galerie, C/O Berlin und Palais de Tokyo).
Gala Hernández López bewegt sich bewusst zwischen Dokumentarfilm, Essayfilm, Installation und spekulativer Fiktion. YouTube-Videos, Screenshots, Archivmaterial, 3D-Bilder und ihr eigenes Filmmaterial werden aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst und neu kombiniert. Das Internet ist dabei nicht nur Thema ihrer Arbeit, sondern auch deren Material und Schauplatz. Ihre Filme fragen, wie Fantasien zu materiellen Infrastrukturen werden, wie Wünsche die Finanzmärkte beeinflussen und wie Zukunftsvisionen die Gegenwart prägen. Träumen wir noch von der Zukunft – oder haben die Systeme, in denen wir leben, bereits begonnen, für uns zu träumen?
John Canciani & Gala Hernández López
Economies of Desire
Wie messen wir Begehren, Attraktivität, Erfolg und Selbstwert? In «La Mécanique des fluides» und «+10k» taucht Gala Hernández López in digitale Welten ein, in denen Männlichkeit zunehmend in Zahlen ausgedrückt wird: Gesichtsproportionen, Ranglisten, Einkommen, Follower, Produktivität und Versprechen der Selbstoptimierung. Zwischen Incel-Foren, Online-Coaches und Fantasien von finanzieller Unabhängigkeit wird das Selbst zu etwas, das es zu bewerten, optimieren und vermarkten gilt. Eine neue Remix-Arbeit aus YouTube-Material verbindet die beiden Filme und zeigt auf, wie sich diese Logik der Quantifizierung vom Körper und von intimen Beziehungen auch auf Geld, Sichtbarkeit und sozialen Status überträgt. Zusammen offenbaren die drei Werke eine Kultur, in der Begehren nicht mehr bloss empfunden, sondern berechnet wird – und in der Selbstwert zunehmend als messbar erscheint.
Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur sind das bedeutendste Kurzfilmfestival der Schweiz. Jeden November verwandeln wir die Stadt Winterthur für sechs Tage in eine Kurzfilmmetropole.
An den Kurzfilmtagen gibt es für alle etwas zu entdecken: Wir zeigen sorgfältig zusammengestellte Kurzfilmprogramme zu aktuellen Geschehnissen oder zu Themen, die unseren Kurator:innen unter den Nägeln brennen. Die Wettbewerbsblöcke fühlen den Puls des aktuellen, weltweiten Filmschaffens und die Installationen, Performances und weiteren Specials machen audiovisuelle Formen in ihrer ganzen Vielfalt erlebbar. Ein Rahmenprogramm mit Konzerten, Lesungen und mehr erweitert das Festivalerlebnis.
Das Programm der 30. Kurzfilmtage wird am 14. Oktober 2026 veröffentlicht.
Aktuelle Kurzfilme aus der ganzen Welt. Am Sonntagabend werden die vielversprechendsten Kurzfilme ausgezeichnet.
Hors Concours
Aktuelle Kurzfilme aus Zürich, der Schweiz und der Welt, die ausserhalb unserer Wettbewerbe laufen.
Fokus
Filmische Einblicke in eine Region, ein soziales Phänomen oder einen künstlerischen Trend.
Person im Fokus
Das künstlerische Wirken einer filmschaffenden Person wird ins Rampenlicht gestellt.
Spezialprogramme
Kurzfilmprogramme zu Themen, die unseren Kurator:innen unter den Nägeln brennen – oder einfach Spass machen.
Familienprogramme
Kurzfilmgenuss für das junge Kinopublikum ab 6 Jahren und die ganze Familie.
Rahmenprogramm
Konzerte, Partys, Lesungen und zahlreiche weitere Events bieten Gelegenheit zur Vernetzung und erweitern das Festivalerlebnis.
Talks & Podien
Moderierte Talks und Panels, die nach der Vorstellung vertieften Einblick ins Filmschaffen oder in die Thematik geben.
Industry Events
Eine breite Palette an Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen für die Filmbranche sowie Möglichkeiten zur Vernetzung.
Der Kurzfilm
Der Kurzfilm ist nicht einfach ein kürzerer Film. Er ist eine eigene Kunstform, die wir mit unserem Festival jährlich in den Fokus stellen.
Der Kurzfilm erscheint in allen Genres und kann unterschiedlich lang – oder eben kurz – sein. Einfachere Produktionswege machen es ihm möglich, den Zeitgeist und Strömungen rasch einzufangen und abzubilden. Der kurze Film kann unterhalten, überraschen, die Gesellschaft analysieren, eine politische Haltung einnehmen oder Einblick in uns fremde Welten geben.
Wir bündeln unsere Kurzfilme in thematischen Programmen oder nach bestimmten Sektionen, wie z.B. unsere Wettbewerbe, und stimmen die Filme und Reihenfolge aufeinander ab. Für den Kurzfilmgenuss gibt es somit nur eine Voraussetzung: die Neugierde, Neues zu entdecken und sich überraschen zu lassen.